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Hirtenbriefe

des Erzbischofs von Salzburg Dr. Georg Eder

Fastenhirtenbrief 1999 (Teil I)

Kehret um – Kehret heim

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir stehen an der Schwelle des 3. Jahrtausends. Der Lauf der Wochen und Tage beschleunigt sich. Schon werden große Vorbereitungen getroffen für die Silvesternacht 1999/2000. Was wird sein? Feuerwerke werden die Nacht erhellen und Kanonenschüsse die Stille durchbrechen; und in St. Peter in der Ewigen Stadt Rom wird der alte Papst die Heilige Pforte öffnen und die „Schwelle der Hoffnung“ überschreiten – in Nomine Domini. Und dann – wird alles anders sein? Oder bleibt alles gleich? Nein, aber Neues sollte werden!

Im Jahr des Vaters beten wir mit Johannes Paul II.:

„Dank sei Dir, guter Vater,
für das Geschenk des Jubeljahres.
Lass es eine Zeit der Gnade werden,
ein Jahr der großen Rückkehr
ins Haus des Vaters.“

Längst hätten wir uns bekehren müssen.Es ist das Jahr 860. Die Kaiserstadt Konstantinopel erlebt einen schönen Sommer. Da bricht am 18. Juni unvermittelt das Unheil über die Hauptstadt herein. Unter der Führung der Schweden greifen die Russen die Stadt am Bosporus an. 200 Schiffe umzingeln die Stadt. Und der Kaiser ist fern – auf einem Feldzug in Kleinasien. Die Gefahr steht greifbar da, eine Katastrophe scheint unvermeidlich. Die Außenbezirke der Stadt müssen aufgegeben werden, und dort verüben die Angreifer grauenhafte Dinge. Die Straßen sind mit Leichen übersät. Da ruft der Patriarch Photius am 23. Juni die Bevölkerung der Stadt zusammen und hält eine Rede, eine Predigt, die in die Geschichte eingegangen ist.„Was soll dies alles? Was für ein harter und schwerer Schlag des (göttlichen) Zornes? … Was ist der Grund, dass … eine solche Menge schwerer Übel über uns ausgegossen wurde? … Kam dies alles nicht über uns wegen unserer Missetaten? Entrissen wurden wir den Übeln, von denen wir oft bedrängt wurden. Wir hätten die Pflicht gehabt, dafür zu danken, aber es kam uns nicht in den Sinn … Schon längst hätten wir an die Brust schlagen und die Knie beugen sollen. Schon längst hätten wir das tun sollen, schon längst hätten wir uns in guten Werken üben und uns von den schlechten abwenden sollen …“ Der Patriarch schließt die Bußpredigt mit den Worten: „Im Übrigen aber, Geliebte, ist jetzt die Stunde gekommen, zur Mutter des Wortes hinzueilen, die unsere einzige Hoffnung und Zuflucht ist. Zu ihr wollen wir flehentlich rufen: Rette deine Stadt, da du es vermagst, o Herrin!“Und der Ausgang? In der höchsten Not nehmen die Einwohner ihre Zuflucht zu Gott, veranstalten mit dem Kleid der Gottesmutter, das als kostbarste Reliquie in der Blachernenkirche aufbewahrt wird, eine Bittprozession. Und da geschieht das Wunder: Die Feinde brechen ohne ersichtlichen Grund die Belagerung ab und treten den Rückzug an.

Das Jahr der großen Umkehr und RückkehrLiebe Brüder und Schwestern, vielleicht fragt ihr: Was soll das? Was hat dieses Ereignis in Konstantinopel vor 1160 Jahren mit uns zu tun? Die Russen bedrohen uns nicht mehr. Der Kommunismus – wenn wir ihn als Vergleich nehmen wollen – ist zerschlagen. Das alte Europa, das sich so viele Jahrhunderte in Kriegen zerfleischte, wächst zu einer Union zusammen, und was soll dann anderes kommen als Frieden? Es geht uns gut. Wir haben nur die eine Sorge, von unserem Wohlstand etwas verlieren zu können.Oder ist die Wirklichkeit doch eine andere? Im vierten Lied vom Gottesknecht – wir hören es am Karfreitag – bekennt der Prophet: „Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg (ins Verderben)“ (Jes 53,6). Trifft das nicht weitgehend auf uns zu?Erschreckend ist der Abfall, die Glaubenslosigkeit in unseren Ländern, die als eine der ersten das Evangelium empfangen haben. Es findet ja nicht nur eine Entkirchlichung und nicht nur eine Entchristlichung statt, die noch lange keine Areligiosität bedeutete – wie manchmal behauptet wird; zu Unrecht, wie man sieht. Totale Gottlosigkeit breitet sich aus, die Abwesenheit Gottes bestimmt das Klima unserer Zeit und Gesellschaft. Die Türme unserer Kirchen ragen noch in den Himmel als Wegweiser – aber wie viele richten sich noch danach? Im ehemaligen Ostdeutschland gab ein Mann auf die Frage, was er von Jesus Christus halte, zur Antwort: „Jesus Christus – nie etwas von dem gehört!“ Westlich des ehemaligen Eisernen Vorhanges kennt man natürlich den Namen noch – und benützt ihn zu den gotteslästerlichsten Filmen und Theaterstücken. Was ist schlimmer?Friedrich Nietzsche, der sich rühmt, am Gottesmord mitgeholfen zu haben, spürt zugleich die unabsehbaren Folgen. „Das Eis, das uns noch trägt, ist dünn geworden. Wir fühlen alle den unheimlichen Atem des Tauwindes. Wo wir gehen, da wird bald niemand mehr gehen können.“Wir haben uns alle verirrt. Die Moral unserer Gesellschaft ist weithin die Unmoral. Heute wird buchstäblich das Schlechte für gut und das Gute für schlecht erklärt, das Unnatürliche wird als natürlich bezeichnet. Die Perversionen der Heiden werden verteidigt, die Verirrten verlangen Rechte für ihr lebensfeindliches Tun. Jeder geht seinen Weg und rechtfertigt sich mit seinem (autonomen) Gewissen. Die Ehe, die vom Schöpfer eingerichtete Institution für das Leben, ist ein auslaufendes Modell; an ihre Stelle treten unfruchtbare Gemeinschaften. Kinder werden zum Spielzeug für abartige Menschen.Wir sind für den Frieden, Pazifisten auf allen Ebenen. Wir demonstrieren gegen Waffenerzeugung und Waffenhandel – und führen in unser Land eine hochwirksame chemische Waffe ein, die das unschuldigste Leben tötet und die Frauen in ihrem tiefsten Wesen, in der Mutterschaft, schwer verwundet. Die Vertreter des Staates, der das Leben seiner Bürger schützen müsste, verteidigen vehement das Recht zur Tötung. Und auch in der Kirche heißt das oberste Gebot: kein Kampf, keinen Anstoß. Vergessen ist das Wort von Blaise Pascal: „So wie es ein Verbrechen ist, den Frieden zu stören, wo die Wahrheit herrscht, so ist es auch ein Verbrechen, den Frieden zu bewahren, wenn der Wahrheit Gewalt angetan wird. Es gibt daher eine Zeit, in der der Friede gerechtfertigt ist … Darum sagt Christus, der erklärt, dass er gekommen ist, den Frieden zu bringen, gleichfalls, dass er gekommen ist, das Schwert zu bringen … Aber er sagt nicht, dass er gekommen ist, sowohl die Wahrheit wie die Lüge zu bringen.“

Das Jahr des barmherzigen VatersLiebe Christen, wenn dem so ist, wie es oben dargestellt ist – und ich würde es nicht sagen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre – dann gibt es nur die eine Konsequenz: umkehren! Wir sitzen in einem Zug, dessen Geschwindigkeit rasant zunimmt, und geben uns nicht einmal Rechenschaft, wohin er fährt …Es gibt die Rettung, es gibt das Heil und die Heilung jetzt noch. In der völlig aussichtslosen Situation der Belagerung versprach der Patriarch von Konstantinopel die Rettung: „Ich bürge für das Heil, wenn ihr standhaft bei euren Gelöbnissen bleibt. Ich verbürge euch die Errettung aus dem Unglück, wenn ihr festhaltet an der Umkehr, ich bürge euch für den Abzug der Feinde, wenn ihr von euren Leidenschaften ablasset.“ Woher nahm Photius diese Gewissheit? „Siehe, ich werde deine Vergehen austilgen wie eine Wolke und wie einen Nebel deine Sünden; kehre zurück zu mir, und ich werde dich erlösen“ (Jes 44,22) und „Wendet euch zu mir und ich werde mich zu euch wenden“ (Sach 1,3).Es ist das Jahr des barmherzigen Vaters, in dem wir gehen. Das Jahr des Schöpfers von Himmel und Erde, des Vaters unseres Herrn Jesus Christus, und unseres Vaters. Das heilige Jahr des allmächtigen Vaters, des gütigen und gerechten Vaters. Paulus ruft ihn an als „den Vater des Erbarmens und den Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Not“ (2 Kor 1,3.4). Es ist der Vater-Gott, den wir mit demselben Namen anrufen sollen, den der einzige Sohn gebraucht: Abba, lieber Vater.Dieser unser Vater im Himmel ruft uns in diesem Gnadenjahr heim, er ruft uns zurück. Ja, wir haben uns von ihm entfernt, weit entfernt. Und noch immer gehen wir auf diesen Abwegen weiter. Wir sind schon weiter weg als der verlorene Sohn (Lk 15). Dieser erinnerte sich wenigstens noch an den guten Vater, und die Sehnsucht nach ihm stand in seinem Herzen auf: Ich gehe jetzt heim! Er wusste den Weg noch, der zurückführte; er ging, nein er lief heim. Ohne Maßen ergreifend aber ist die Ankunft daheim, die Begegnung mit dem Vater, dessen Güte und Barmherzigkeit der Sohn so sehr missbraucht hatte. Der Vater erspart ihm das Anklopfen und das Schuldbekenntnis; er läuft ihm entgegen, nimmt den verlorenen Sohn in seine Arme und drückt ihn fest an sein Herz. Und die Freude des Vaters („Mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden“) ist so maßlos, dass der ältere Sohn daran Anstoß nimmt, weil er glaubt, dass solche Güte ungerecht sei gegenüber dem „Gerechten“.Unsere Zeit und Situation hat etwas Bedrängendes und Unheimliches. Nicht deswegen, weil wegen der Anhäufung unserer Sünden die Barmherzigkeit Gottes erschöpft sein könnte, sondern weil es für uns zu spät sein könnte. Wenn die Entfernung von Gott so groß geworden ist, dass der Mensch wirklich nicht mehr weiß, was Sünde ist, wenn er sein Gewissen in sich ertötet und zum Schweigen gebracht hat, wenn das Bild Gottes, des Vaters, in seiner Seele ausgelöscht ist und er nur mehr den Stimmen seiner Triebe folgt, ist es für die Umkehr zu spät. Wer davon überzeugt ist, dass der falsche Weg, den er geht, der richtige ist, kann nicht mehr umkehren.Kehrt um, ruft der Sohn, kehrt heim, ruft der Vater. In der Kirche überschlagen sich die Stimmen, die nach Reform, nach Erneuerung rufen. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Forderung notwendig, ja überfällig ist. Sehen wir doch täglich in welcher Notlage sich die Kirche befindet. Und es sind beileibe nicht nur die Schafe, die sich verlaufen – auch die Hirten können unsicher werden und sich verirren, wenn sie sich nicht von dem einen Hirten leiten lassen und sich eng an den anschließen, der die Stelle des guten Vaters vertritt.Aber eines möchte ich allen zurufen: Es gibt keine Erneuerung ohne Umkehr, es gibt keine Erlösung ohne Gnade, es gibt keine Heilung ohne Buße! Ich will euch glauben, euch, die ihr so vehement Änderungen in der Kirche verlangt, dass euch die Liebe zur Kirche treibt; ich bitte euch aber auch, mir zu glauben, wenn ich sage, dass ich eine Erneuerung der Kirche ohne Umkehr nicht für möglich halte. Strukturen können und müssen von Zeit zu Zeit geändert werden, ja. Aber Gesetze und Statuten haben kein Leben, sie bewirken nichts, solange sich das Herz nicht bekehrt hat. Das Zweite Vatikanum sagt, „dass auch die besten Anpassungen an die Erfordernisse unserer Zeit ohne geistliche Erneuerung unwirksam bleiben“ (PC, 2).
Liebe Schwestern und Brüder. „Dank sei dir, guter Vater, für das Geschenk des Jubeljahres. Lass es eine Zeit der Gnade werden, ein Jahr der großen Rückkehr in dein Vaterhaus!“ So betet Johannes Paul II. Und mit dem Propheten Jeremia beten wir: „Lass uns nicht mehr dem Trieb unseres bösen Herzens folgen … wasche unser Herz vom Bösen rein … gibt uns ein (neues) Herz, damit wir mit ganzem Herzen zu dir umkehren … schreib das Gesetz deiner Liebe nochmals in unser Herz … dann wirst du wieder unser Gott sein, und wir werden dein Volk sein“ (vgl. Jer 3,17; 4,14; 24,7).

Fastenhirtenbrief 1999 (Teil II)

Das Sakrament der Umkehr und Heimkehr

Liebe Schwestern und Brüder!

„Dank sei Dir, guter Vater,
für das Geschenk des Jubeljahres.
Lass es eine Zeit der Gnade werden,
ein Jahr der großen Rückkehr
ins Haus des Vaters.“
Das Gebet des Papstes zum „Jahr des Vaters“ ist mehr als aktuell, es ist drängend. Wir, das heißt besonders die Seelsorger, müssen schmerzhaft zur Kenntnis nehmen, wie mehr und mehr Söhne und Töchter der Kirche das Haus des gemeinsamen Vaters verlassen – aus welchen Gründen auch immer. Ich denke aber nicht nur an jene, die protestierend das Haus verlassen, sondern ebenso an jene, die zwar (noch) drinnen bleiben, aber der Familie Gottes zutiefst entfremdet sind, als Fremde im eigenen Hause weilen. Und wir selber? Muss nicht der treue Zeuge auch uns vorwerfen, dass wir unsere erste Liebe verlassen haben (vgl. Offb 2,4)? Wie viele schleppen sich freudlos dahin!

Dazu kommt erschwerend, dass wir den Weg der Rückkehr verloren haben, ja vielfach nicht einmal mehr wissen, wie weit wir uns vom Vater entfernt haben. Wir haben das Sakrament der Buße weitum verloren – und niemand beklagt den Verlust. Aber das Unbehagen wächst und die Enttäuschung darüber, dass die Früchte der Erneuerung, die wir alle vom Konzil erhofft haben, ausbleiben. Der Boden ist hart geworden, das Klima hat sich verschlechtert. Ich denke oft an das, was der bekannte Journalist Mario von Galli zum Abschluss des Zweiten Vatikanums geschrieben hat: „Wenn durch diese Konzil nicht Glaube, Hoffnung und Liebe vermehrt werden, war es umsonst.“ Liebe Brüder und Schwestern, wer folgt mir, das verlorene Sakrament zu suchen? Jesus führt uns im Gleichnis vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn (Lk 15,11 – 32).



Das Sakrament der UmkehrDer jüngere Sohn hat das Haus des Vaters verlassen. Mit dem ansehnlichen Erbe im Rucksack läuft er hinaus ins Leben, in die Freiheit. Hinter ihm liegen Haus und Familie, unter deren Ordnung und Enge der junge Mann gestöhnt hatte. Vor ihm liegt das große Leben – oder? „Ich glaubte, es wäre der Weg ins Land des Lebens – es war aber in Wirklichkeit der Weg in den Tod“, bekennt ein Drogensüchtiger, der in Medjugorje die Umkehr geschafft hat. Schnell ist der jüngere Sohn auf dem abschüssigen Weg, „denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit“ (Mt 7,13). Der junge Mann landet bei den Schweinen, denn Hungersnot ist auch eine Folge der Arbeitslosigkeit.Beim Schweinehüten hat der junge Mann endlich Zeit zum Nachdenken. Wie gut hatte er es daheim, wie gut war der Vater immer gewesen. Er hat eine große Dummheit gemacht, das sieht er nun ein, denn er spürt es am eigenen Leib. Diese Erkenntnis aber ist zu wenig, denn das ist zunächst egoistisches Kalkül. Doch der Sohn sieht nun den Vater und die Schläge, die er dem Herzen des Vaters zugefügt hat. „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Und jetzt macht er sich auf den Heimweg, jetzt kann er gehen. Was aber gibt ihm den Mut, vor das Angesicht des Vaters zu treten? Allein die Gewissheit, dass der barmherzige Vater ihm nicht die Tür weisen wird. Er kennt das Herz des Vaters.Und wir? Wenn wir erkannt haben, dass wir uns verirrt, verlaufen haben, heißt das noch lange nicht, dass wir umdrehen und heimkehren. Wie oft verhindern Stolz und Trotz, den Irrtum einzubekennen und zurückzugehen! Ja, manche wollen eher zugrunde gehen. Wir schaffen die Umkehr allein nicht. Gott muss uns mit seiner Gnade zu Hilfe kommen, uns mit den magnetischen Kräften seiner Liebe an sich ziehen. Das ist das Sakrament. Es ist eine riesige Selbsttäuschung, wenn jemand glaubt, „diese Sache mit Gott selbst ausmachen zu können“. Gott ist nicht unser Kumpel, dem wir auf die Schulter klopfen können. Er ist der Herr, der gekommen ist, zu retten, der aber auch kommen wird, zu richten, der Heilige und Gerechte.

Das Sakrament der Versöhnung und des FriedensNun sieht der heimkehrende Sohn das Vaterhaus. Noch einmal sagt er sich den Satz vor, den er sich eingelernt hat: Vater, ich habe gesündigt gegen Gott im Himmel und gegen dich. Da – er traut seinen Augen nicht – der Vater kommt, nein läuft ihm entgegen …! Schon ist er da, fällt ihm um den Hals, küsst ihn und drückt ihn an sein Herz. Da ist kein Wort des Vorwurfs, nur Liebe, unsäglich große Liebe und Mitleid, Erbarmen.Keiner hat die Begegnung von Vater und Sohn berührender dargestellt als Rembrandt. Der heimgekehrte Sohn ist vor dem Vater in die Knie gesunken und birgt sein Gesicht weinend in den Schoß des Vaters. Dieser aber umfängt mit den Armen den Sohn, und das reine Erbarmen strömt auf den heruntergekommenen Sohn. „Weil du nur wieder daheim bist“, das ist es, was der Vater zu sagen scheint.Ist nun schon alles gut? Nein. Der Sohn bringt trotzdem seine Beichte vor: „Vater, ich habe gesündigt …“ Es muss heraus, es muss gesagt sein. Das Bekenntnis ist notwendig. Gandhi, der berühmte Führer der Inder, erzählt in seiner Lebensbeschreibung, wie er mit fünfzehn Jahren einen Diebstahl beging und ihn nachher seinem Vater bekennen wollte. Da er sich aber nicht zu reden getraute, schrieb er seine Beichte nieder und schob ihm das Papier hin. „Während mein Vater las, saß ich ihm gegenüber. Da rannen ihm die Tränen wie Perlentropfen über die Wangen. Für einen Augenblick schloss er die Augen und zerriss dann das Papier … Ich hatte erwartet, er werde zornig werden und harte Worte sagen. Aber er war wundersam ruhig. Ich glaube, das kam von meinem offenen Bekenntnis. Ein offenes Bekenntnis, verbunden mit dem Gelöbnis der Besserung, abgelegt vor einem, der berechtigt ist, dieses Bekenntnis anzunehmen, ist die reinste Form der Reue. Ich weiß nur, dass meine Beichte damals den Vater völlig über mich beruhigte und seine Liebe zu mir unendlich erhöhte.“Das Bekenntnis, die Beichte, ist notwendig. Und die Lossprechung. Sonst wird die Vergebung nicht bewusst. Die Versöhnung braucht einfach das mündliche Bekenntnis. Die Worte müssen heraus, damit der Friede hineinkommen kann. Ich glaube, dass so manche Ehe gerettet werden kann, wenn er/sie zur Beichte geht und dann daheim die Sünden dem Partner bekennt und sagt: „Gott hat mir verziehen – willst du mir auch verzeihen?“ Das eine ist sicher: Bekenntnis und Verzeihung sind die größte Kraft zu einem neuen Anfang.

Das Sakrament der BußeBeichte und Buße – das sind eben die Worte, die nach Asche schmecken. Und wenn schon Beichte – ist dann wirklich noch Buße nötig? Ist denn Gott so kleinlich, dass er auch noch Rückzahlung, Wiedergutmachung fordert? Wie war das beim verlorenen Sohn? Anscheinend verlangt der Vater nichts; er lässt voll übergroßer Freude Festgewand, Ring und Schuhe holen und das Mastkalb schlachten zum Freudenmahl und Festmahl. „Denn mein Sohn war verloren und ist wiedergefunden …“ Aber der heimgekehrte Sohn will etwas tun, er will etwas gutmachen! „Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Halte mich wie einen deiner Knechte.“ Dem Sohn ist es ernst, auch wenn der Vater dann die Buße schnell beendet.Die Buße, die Strafe ist nicht nur negativ zu sehen, wie das heute fast ausschließlich geschieht. Wer wirklich umkehrt, will gutmachen, und es ist ihm eine Befriedigung, wenigstens etwas gutmachen zu können. So verheilt die Wunde besser und schneller. Und es ist einfach nicht wahr, dass Gott gar nichts verlangt zur Wiedergutmachung – wir sehen es an Jesus. „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht …“ (2 Kor 5,21). „Weil das Gesetz nichts vermochte, sandte Gott seinen Sohn in der Gestalt des Fleisches, zur Sühne für die Sünde, um an seinem Fleisch die Sünde zu verurteilen …“ (Röm 8,3). So hatte ja schon Jesaja vom Gottesknecht geschrieben: „Der Herr legte auf ihn die Schuld von uns allen“ (Jes 53,6). Wie könnten wir auch am Karfreitag vor das Kreuz treten, wenn wir gar nichts einsehen und gar nicht gewillt sind, zu büßen? Dann kommt es eben zur – recht logischen – Folgerung, dass man eigentlich keinen Erlöser brauche. Wer nichts von der Sünde versteht, versteht auch Christus nicht; wer nicht traurig ist über seine Sünde, erfährt auch die Freude des Friedens nicht. „Geh hin, deine Sünden sind dir vergeben.“

Das Sakrament der AuferstehungWir bereiten uns auf Ostern vor und sprechen von den Ostersakramenten. Und da besteht heute die Gefahr, nein es ist die Realität, dass viele das Ostersakrament völlig übergehen und vergessen. Sicher gehört das Ostermahl, das Mahl des Osterlammes, wesentlich zu Ostern. Aber es wäre bedenklich, ja gefährlich, wenn nicht das Ostersakrament vorausginge, das Sakrament des Todes und der Auferstehung des Herrn. Dem Festmahl im Haus des Vaters gehen die Beichte des verlorenen Sohnes und die Vergebung des Vaters voran, und ohne diese gibt es überhaupt dieses Mahl nicht!Am Osterabend trat Jesus in die Mitte seiner Jünger und sagte zweimal: Der Friede sei mit euch! Dann „hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,19 – 23). Das ist Ostern, das ist Auferstehung. Wer sich einfach beim eucharistischen Opfermahl beteiligt ohne Umkehr, ohne Reue, ohne Buße, verachtet das Kreuz des Herrn und betrügt sich selbst. Solche Osterkommunionen fruchten wenig oder nichts. Wie sehr leiden unsere Priester unter der Erfahrung, dass zu Weihnachten und Ostern unsere Kirchen voll, am nächsten Sonntag aber wieder halb leer sind …!„Denn mein Sohn war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden.“ So beschreibt der barmherzige Vater die Heimkehr des Sohnes, so beurteilt der Vater im Himmel die Bekehrung des Sünders. Tot – lebendig, verloren – gerettet. Wenn wir die Osterfreude, die Auferstehung, wirklich erfahren und erleben wollen, dann müssen wir vorher Sünde und Tod ernst nehmen. Es gibt die Sünde, es gibt die Todsünde. „Es gibt die Sünde, die zum Tode führt“, schreibt der Apostel, der am meisten von der Liebe spricht (1 Joh 5,16). Wir sollten uns der Realität doch einmal bewusst werden.Der Arzt hat dich aufgegeben und es auch gesagt. In der schrecklichen Nacht darauf tritt Jesus an dein Krankenbett und sagt: Steh auf. – Eine reißende Strömung hat dich auf das offene Meer hinausgetrieben und du weißt, dass du das rettende Ufer nicht mehr erreichen kannst. Da geht der Herr über die Wogen und fasst dich an der Hand. – Doch diese Beispiele sind viel zu schwach. Denn bei der Todsünde steht der ewige Tod bevor. Wenn du dich aber bekehrt hast, d. h. wenn du dich durch das Ostersakrament von Jesus hast retten lassen, dann ziehen in dein Herz jener Friede und jene Freude ein, die du bisher umsonst gesucht hast. Dann singt aber auch der ganze Himmel das Halleluja. Denn: „Im Himmel herrscht mehr Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte …“ (Lk 15,7). Der barmherzige Vater breitet die Arme aus, um dich aufzunehmen, und seine Freude ist noch weit größer als die der Engel. Das ist Beichte, das ist Auferstehung, das ist Ostern, das ist Frieden. Und das ist schon diese Ostern möglich.
Liebe Brüder und Schwestern, liebe priesterliche Mitbrüder! Als Pfarrer der Diözese, wie ich mich betrachte, frage ich: Was müssen wir tun? Wir müssen endlich anfangen mit der Erneuerung der Kirche, von der alle reden. Alle gutgemeinten Anläufe, Konzil, Diözesanforum, Dialog … verpuffen ihre potentiellen Kräfte und hinterlassen nur Müdigkeit, wenn wir nicht wirklich selbst mit Bekehrung und Auferstehung ernst machen. Und vielleicht ist es für mich und dich schon höchste Zeit.



Ich bitte Euch, meine lieben Mitbrüder im Priesteramt:

Predigt an diesen Fastensonntagen nur über die Beichte.Geht wieder in den Beichtstuhl, wenn irgend möglich jeden Tag.Setzt das allerheiligste Sakrament aus vor der Heiligen Messe, während ihr Beichtgelegenheit gebt.Habt viel Geduld und Liebe mit denen, die sich schwer tun.Führt die Kinder zur Osterbeichte.Geht selber regelmäßig zur Beichte. Wir Priester brauchen dieses Sakrament der Auferstehung ebenso notwendig.

Ich bitte Euch, liebe Gläubige:

Fordert die Priester wieder in der Beichte. Bei einer Priesterweihe habe ich die Gläubigen gebeten: Umlagert die Priester in den Beichtstühlen! Manchmal gibt es bei den Priestern Identitätsprobleme. Sie fragen sich: Wozu bin ich eigentlich da? Wer braucht mich? Für den Priester, der täglich als Beichtvater verlangt wird, ist die Frage gelöst.Ihr Eheleute, lernt die Versöhnung untereinander durch das Sakrament der Versöhnung. Wem vergeben wurde, der kann auch vergeben.Ihr jungen Menschen, die ihr anfangt, euer Leben zu bauen, baut nicht auf die schnelle Lust, sondern auf die Freude und den Frieden Gottes – hier ist er.Und ihr, die ihr aufgegeben habt, ich sage euch: Niemals ist es zu spät, solange wir auf dem Wege sind. Auf jeden wartet ER, der uns erlöst hat.

Liebe Schwestern und Brüder! „Lasst das Jubeljahr eine Zeit der Gnade werden, ein Jahr der großen Rückkehr ins Haus des Vaters“, betet der Papst. Er wird die Heilige Pforte in St. Peter öffnen als Symbol der Einladung Gottes: Kommt alle herein, der Vater wartet auf euch und hat schon das Ostermahl bereitet. Wir aber sehen, dass die Türe der Barmherzigkeit mit der Öffnung des Herzens Jesu immer offen steht.

Heute steht der Beichtstuhl der Welt in einem Dorf der Herzegowina – Medjugorje. Ungezählte, die Jahrzehnte, ja das halbe Leben nicht mehr gebeichtet haben, finden dort, am Fuße des Kreuzberges, den Frieden, den sie immer anderswo erfolglos gesucht haben. Wunder der Bekehrung und Berufung geschehen täglich. Die Mutter der Barmherzigkeit sammelt die verlorenen Kinder und führt sie heim. Gar manchem möchte man raten: Wenn du nicht mehr beichten kannst – dort lernt es jeder wieder. Dir, Vater, gebührt unser Lob immerdar!

Der Herr sei mit Euch! Der Friede sei mit Euch!



Salzburg, am Fest U. L. Frau von Lourdes,
11. Februar 1999



+ Dr. Georg Eder
Erzbischof

Hirtenbrief über den Jubiläumsablass

84. HIRTENBRIEF1999


des Hwst. Herrn Erzbischofs von Salzburg DR. GEORG EDER

über den Jubiläumsablass:
Das große Jubiläum – ein Neubeginn
(Ablass heißt aufarbeiten)


Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wochen-, ja monatelang gingen einmal die Pilger nach Santiago, nach Rom oder nach Jerusalem, um den Jubiläumsablass zu gewinnen. Und monatelang, sogar jahrelang saßen in früheren Jahrhunderten die öffentlichen Sünder vor der Kirchentüre und baten die Eintretenden um das Almosen des Gebetes. Die Kirchenbuße für große Sünden, vor allem Abfall vom Glauben, Mord und Ehebruch, waren hart.

Verständnislos stehen viele Christen heute vor Begriffen wie Sündenstrafe, Kirchenbuße, Ablass. War das nicht nur ein Mittel, das die mittelalterliche Kirche gebrauchte, um ihre Schäflein zu disziplinieren und dabei Geld zu verdienen …? Wir erinnern uns vielleicht noch daran, dass Martin Luther den Ablass, d. h. den Missbrauch des Ablasses, heftig bekämpft hat. Und dass unsere Eltern noch eifrig den Portiunkula-Ablass empfangen haben. Heute sind die meisten der Meinung, dass man den Ablass sicher nicht mehr braucht, und viele „brauchen“ auch das Sakrament der Buße nicht mehr. Gehen wir aber doch einmal die Sache ohne Vorurteile an.



Sünde – Schuld – Schaden
„Bei leicht erhöhter Geschwindigkeit stieß ein Autofahrer eine Frau nieder. Der Lenker kam mit dem Schrecken davon – die Frau ist querschnittgelähmt.“ Solches kann leicht passieren und solches oder ähnliches geschieht oft.

Die persönliche Schuld, die hinter diesem großen Unglück steht, mag geringfügig sein. Etwas zu wenig Achtsamkeit auf der regennassen Straße. Der Schaden an Leib und Leben ist aber unabsehbar. In einem Fall kann der materielle Schaden noch beziffert werden; in einem anderen ist es ein Schaden im inneren Menschen, und dieser sagt sich: Mein Leben ist zerstört.

Auch die Sünde, das moralisch Böse, das hier vorliegt, mag gering sein. Müdigkeit kann die Reaktionsfähigkeit herabsetzen. Das ändert aber alles nichts mehr an dem Schaden, an der lebenslangen Behinderung.

Unsere moderne Gesellschaft hat sich eine allfällige Hilfe geschaffen: die Versicherung, die Haftpflichtversicherung. Aber auch die kann nur den materiellen Schaden abdecken, während der physisch-psychische bleibt.



Sünde – Folge – Strafe
Das ist eine andere Verkettung, die man recht gerne übersieht. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass das Böse nicht alleine bleibt, nicht einmal die persönlich geheime Sünde. Sie bleibt nicht in uns. Paulus drückt das im Geheimnis des Leibes Christi sehr einfach aus: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit!“ (1 Kor 12,26).

Auch die Sünde, das moralisch Böse, hat Folgen. Das Böse ist in seinen Nachwirkungen ähnlich einem Gift, das noch lange im Körper weiterwirkt. Die Sünde reicht oft weit. Eine Beleidigung, schnell gesagt, bleibt unvergessen und schmerzt jahrelang. Das schlechte Beispiel, das etwa ein Vorgesetzter gibt, ist unabsehbar in seinen Wirkungen. Sünden, an denen der Leib beteiligt ist, ziehen nicht selten Krankheiten mit sich. Der Raucher zerstört seine Lunge, der Trinker seine Leber. Und wenn man es auch meist vehement leugnet: gar manche sexuelle Sünde ist Ursache schrecklicher Krankheiten. Und Drogen zerstören Leib und Seele.

Man muss auch wieder den Mut haben, auf die Möglichkeit einer Strafe, auf die Sündenstrafe, hinzuweisen. So falsch es ist, jedes Übel und jede Krankheit als eine Strafe Gottes hinzustellen (Joh 9), so blind ist es auch, jede Strafe zu leugnen. „Jetzt bist du gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt“ (Joh 5,14). So warnt Jesus vor Sünde und Strafe. Es ist eine gefährliche Verharmlosung des allgerechten Gottes, ihn so zu verkündigen, als ob er nicht strafen könnte, da er pure Liebe sei. Die Schrift straft diese Meinung Lügen; ja die Strafe Gottes kann bis zur ewigen Verdammnis gehen. „Fürchtet den, der Leib und Seele in die Hölle stürzen kann“ (Mt 10,28).



Vergebung – Buße – Sühne
Mit der Sünde wird niemand fertig außer Gott allein. „Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?“, fragen zu Recht die Pharisäer (Lk 5,21). Und Gott hat es sich nicht leicht gemacht damit. Der Vater hat seinen Sohn gesandt zur Vergebung der Sünden, der Sohn hat unsere Sünden ans Kreuz hinaufgetragen. Der Preis, den Gott bezahlt hat, ist teuer.

Christus, der alleinige Erlöser der Welt, hat seiner Kirche die Vollmacht gegeben, in seinem Namen Sünden nachzulassen. Es ist das unsagbar schöne und tröstliche Sakrament der Buße. „Deine Sünden sind dir vergeben. Geh hin in Frieden.“ Man könnte nun meinen, dass wir alle in der Kirche sehr dankbar sind für dieses Geschenk. Doch es ist ähnlich wie mit dem Ablass: Die vielen brauchen die Beichte nicht mehr.

Warum? Haben wir keine Sünde mehr? Tut sie uns nicht mehr weh? Leiden wir nicht mehr darunter? Das könnte gefährlich sein. Unheimlich sind jene Erkrankungen, bei denen man keinen Schmerz verspürt. Vielleicht sagt der eine: Ich brauche die Beichte nicht. Ein anderer: Die Messe gibt mir nichts. Und viele brauchen Gott selber nicht. Wohin führt dieser Weg …?

Liebe Schwestern und Brüder, aber auch dann, wenn wir gebeichtet haben, ist noch nicht alles gut, nicht alles, wie es vorher war. Deshalb treibt es den verlorenen Sohn, wenn er daheim ist, wie ein Knecht zu arbeiten, um gutzumachen, wenigstens etwas wieder „hereinzuarbeiten“. Und jeder, der sich selbst ernst nimmt, wird nach der Beichte gedrängt, Buße zu tun, gutzumachen; ja ohne diesen ernsten Willen zur Gutmachung wäre die Lossprechung gar nicht gültig.



Gutmachen – zurückzahlen – aufarbeiten
Mit dem Vergessen, aber auch mit der Vergebung ist noch nicht alles wieder gut. Gewisse Sünden, besonders solche, die zu einer Sucht geworden sind, sind wie Gift, das im Körper oft noch lange weiterwirkt. (Drei Jahre brauchen jugendliche Drogenkranke, bis das Gift aus ihrem Blut gänzlich ausgesaugt ist.) Durch eine Beichte werden – das wird jeder zugeben – die Wurzeln der Sünde, die oft sehr tief gehen, nicht alle herausgerissen. Was können wir tun?

Wir können den Schaden längst nicht immer gutmachen (siehe oben). Wir können die Schuld nicht mehr zurückzahlen (Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht Mt 18,25). Aber da der Herr die ganze Schuld bezahlt hat – mit seinem Blut am Kreuze – müssen wir uns hauptsächlich darum bemühen, den Schaden gutzumachen, die Lasten aufzuarbeiten.

Und da kommt uns jetzt die Kirche zu Hilfe – genau mit dem Ablass! Ablass heißt Nachlassung von Sündenstrafen. Es gibt da eine Solidargemeinschaft, die für uns einsteht, gewissermaßen eine „Haftpflichtversicherung“, die uns hilft, den Schaden, der „in die Millionen geht“, wiedergutzumachen – die Kirche. Sie hat ein Kapital, aus dem geschöpft wird: die Gebete der Heiligen, das Leiden der Märtyrer, vor allem aber das Opfer Christi, das „Opfer ohne Ende“, das bis ans Ende dargebracht wird. Wir können auf diesen Fonds zurückgreifen, wir dürfen uns vor Gott darauf berufen. Dir Kirche betet für uns, sie leidet, sie opfert für uns. Das Haupt betet, opfert, leidet mit und für uns – Christus. Darum ist es so wichtig, der Kirche anzugehören. Denn so sind wir nicht allein mit unseren Sünden. Immerfort tritt Jesus, der Hohepriester, beim Vater für uns ein als Versöhner; immer ist die große Fürbitterin für uns tätig, Maria; immer leiden Glieder der Kirche mit uns und andere beten für uns.

Im Ablass werden uns Strafen erlassen, Schulden bezahlt, zukünftige Leiden – als Folge der Sünde – erspart. Aber es ist nicht einfach, einen Ablass zu gewinnen. Man muss wirklich entschieden sein, sich von der Sünde zu trennen und Christus zu folgen. Das muss in einer ehrlichen Beichte geschehen, verbunden mit einem „Werk“, das die Kirche mit dem Ablass verbindet.

Liebe Brüder und Schwestern! Im Jubeljahr des Alten Bundes wurden die Schulden erlassen, und die verpfändeten Grundstücke fielen wieder an den Besitzer zurück. Das große Jubeljahr 2000 könnte, müsste eine Zeit der Gnade werden, um die Altlasten aufzuarbeiten, alte Feindschaften zu begraben, die Versöhnung mit Gott und unseren Schuldigern zu suchen, ungerechte Forderungen einzustellen, die Ehe wieder in Ordnung zu bringen, die tödliche Gleichgültigkeit Gott gegenüber zu beenden, mit dem Gebet in der Familie endlich wieder zu beginnen … Wer von uns kann sagen: Ich habe da gar nichts zu tun?

Jubiläumsjahr, Jubiläumsbeichte, Jubiläumsablass – das heißt aufarbeiten. Die Worte des Apostels Paulus gelten mit besonderer Betonung für das große Jahr der Erlösung: „Zur Zeit der Gnade erhöre ich dich … jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, jetzt ist er da, der Tag der Rettung“ (2 Kor 6,2). Das Jahr 2000 – es kann vorübereilen, ohne uns zu berühren; es kann aber auch ein Jahr der Heimkehr, der Versöhnung und des Friedens werden.

Der Herr sei mit euch – an jedem dieser Tage!



+ Dr. Georg Eder
Erzbischof

Erzb. Ordinariat, 4. Oktober 1999, Prot. Nr. 1165/99