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Jahr der Barmherzigkeit

Gedanken zum Jahr der Barmherzigkeit

Papst Franziskus hat ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Bereits unter Papst Johannes Paul II. gab es viele Akzente zum Thema Barmherzigkeit, zum Beispiel die Einführung des Sonntags der Göttlichen Barmherzigkeit am ersten Sonntag nach Ostern, nachdem sich Christus der Schwester Faustyna als der barmherzige Jesus geoffenbart hatte. Wie damals ist auch jetzt die Barmherzigkeit Gottes, welche den Menschen durch die Kirche im Sakrament der Beichte und durch die Gewährung eines Ablasses in besonderer Weise zu Teil wird, im Mittelpunkt. Darüber hinaus lenkt Papst Franziskus den Blick auch auf konkrete Werke der Barmherzigkeit, die der Christ in Nachahmung Christi üben soll. Über beide Aspekte soll an dieser Stelle – jedoch keineswegs erschöpfend – nachgedacht werden.

Gottes Liebe ist die Quelle seiner unerschöpflichen Barmherzigkeit. Er hat Mitleid mit uns schwachen, für die Sünde anfälligen Menschen. Er hat uns aus Liebe seinen einzigen Sohn geschenkt, ihn am Kreuz hingegeben für unsere Sünden und uns damit erlöst. Wir sind freigekauft mit seinem Blut, für immer gerettet durch seinen Tod am Kreuz. Nach seiner Auferstehung hat Christus seinen Aposteln die Vollmacht gegeben, Sünden zu vergeben, so wie er Sünden vergeben hat, damit die Menschen schon im Hier und Jetzt der Erlösung teilhaftig werden. Es gibt die markante Aussage, dass die Christen, wenn sie wirklich glauben würden, was sie glauben, viel erlöster ausschauen müssten. Vielleicht schauen wir deshalb so unerlöst aus, weil wir das Heilmittel, die Heilige Beichte viel zu wenig in Anspruch nehmen. Heute gibt es vielfach die Einstellung, dass sich jeder das selbst mit Gott ausmachen könne, dass es ja keinen Beichtstuhl brauche. Doch wer macht denn wirklich täglich eine gründliche Gewissenserforschung, betet das Schuldbekenntnis und bittet Gott um Vergebung? Wohl die Wenigsten. Doch selbst wenn jemand das täte, könnte es nicht die sakramentale Beichte ersetzen. Schon im Buch der Sprichwörter lesen wir: „Wer seine Sünden verheimlicht, hat kein Glück, wer sie bekennt und meidet, findet Erbarmen.“ (Spr 28,13). Darin ist die Beichte schon vorweggenommen, die ein Sündenbekenntnis vor dem Priester, der in Person Christi die Beichte hört, und den Vorsatz der Abkehr von der Sünde miteinschließt. Gottes Barmherzigkeit kennt keine Grenze, doch sie setzt Reue und Umkehr voraus. Wird heute nicht oft Gottes Barmherzigkeit strapaziert, ohne sich von der Sünde lösen zu wollen. Im Buch Jesus Sirach werden wir gewarnt: „Verlass dich nicht auf die Vergebung, füge nicht Sünde an Sünde, indem du sagst: Seine Barmherzigkeit ist groß, er wird mir viele Sünden verzeihen.“ (Sir 5,6) Seien wir viel mehr wie der verlorene Sohn, der ehrlich und schonungslos auf sein Leben und sein Versagen blickt, der sich zur Umkehr zum Vater aufrafft und ihn um Vergebung bitten will. Und denken wir bei inneren Widerständen gegen das Bußsakrament daran, wie leicht, wie gern und wie freudig der barmherzige Vater seinem Sohn vergibt.

Dem Vorbild Christi folgend sollen wir dieses Jahr der Barmherzigkeit auch besonders zu Werken der Barmherzigkeit nützen. Die Kirche kennt sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit und sieben Werke der geistlichen Barmherzigkeit, die uns gemäß dem Schriftwort „Darum lernt, was es heißt, Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9.13) Leitfaden für dieses Jahr sein können. Es sind dies ganz konkrete Aufträge, die uns herausfordern und uns vielleicht einiges abverlangen. Es ist geplant jedem dieser Werke der Barmherzigkeit eine kurze Betrachtung in diesem Jahr der Barmherzigkeit zu widmen und der Frage nachzugehen, wie sich dieser Auftrag konkret umsetzen lässt.

Die 7 Werke der geistlichen Barmherzigkeit sind:
* die Unwissenden lehren
* die Zweifelnden beraten
* die Trauernden trösten
* die Sünder zurechtweisen
* den Beleidigern gern verzeihen
* die Lästigen geduldig ertragen
* für die Lebenden und die Verstorbenen beten

Die 7 Werke der leiblichen Barmherzigkeit lauten:
* Hungrige speisen
* Obdachlose beherbergen
* Nackte bekleiden
* Kranke besuchen
* Gefangene besuchen
* Tote begraben
* Almosen geben

Almosen geben

In unserer Pfarre gibt es eine überaus große Spendenbereitschaft. Vieles geschieht dabei im Verborgenen, wie es Jesus empfiehlt. (Vgl Mt 6,3) Eine gute Tat bringt noch viel mehr Gnaden, wenn sie ohne jedes Aufsehen ausgeführt wird, wenn sie nicht als Möglichkeit einer Eigenwerbung (sei es bei Einzelpersonen, Vereinen oder Firmen) missbraucht wird, sondern wenn es wirklich einzig und allein um die gute Sache geht. Einen zweiten Aspekt sollten wir noch bedenken, wenn es darum geht, Almosen zu geben. Der Apostel Paulus schreibt den Korinthern, dass Gott einen fröhlichen Geber liebt, jemanden, der sich leichten Herzens in Freigiebigkeit übt. „Wer kärglich sät, wird kärglich ernten, wer reichlich sät, wird reichlich ernten (2 Kor 9,6)“, heißt es da. Nun mag mancher einwenden, dass es bei einem großen Besitz leichter ist, großzügig zu Spenden, als bei einem bescheidenen Einkommen. Das mag sein. Doch wir dürfen nicht der Versuchung erliegen, von jenen, die wohlhabender sind, als wir, Spenden zu erwarten oder gar zu fordern. Oft versteckt sich beispielsweise eine gehörige Portion Neid hinter der Frage: Warum hat derjenige denn das Geld nicht gespendet, anstatt sich irgendeine teure Anschaffung zu gönnen? Keiner soll unter Zwang geben (vgl. 2 Kor 9,7) und jeder auf sich selbst schauen, statt auf den anderen.
Jesus zeigt uns am Beispiel der armen Witwe, dass die Größe einer Spende nicht am Betrag allein abzulesen ist, sondern an der Opferbereitschaft des Herzens. (Mk 12,41). Es ist gut und richtig, wenn jemand von seinem Überfluss gibt, aber Jesus lehrt uns anhand des Beispiels der Witwe, dass ein Almosen uns durchaus einmal „weh“ tun darf, weil man vielleicht selbst dafür auf etwas verzichten muss. Warum nicht einmal ein bisschen mehr geben, als ich eigentlich „übrig“ habe. Wer ein gottgefälliges Werk großzügig unterstützt, der darf gewiss sein, dass ihm durch die Gnade Gottes alles Nötige zur Verfügung stehen, ihm also nichts fehlen wird. (Vgl (2 Kor 9,8)
Die arme Witwe hat sich nicht absichtlich in den Vordergrund gestellt, doch hat sie mit ihrem Tun Beispiel gegeben. Ich habe es oft bei den Sternsingern erlebt, wie sie davon ergriffen waren, wenn sie bei ganz einfachen Leuten eine größere Spende bekommen haben.
Es gibt so viele Möglichkeiten, sinnvoll zu spenden und es jedem selbst überlassen, ein Werk auszuwählen, von dem er glaubt, dass durch dessen Unterstützung Gott, der Kirche und den Menschen am besten gedient und geholfen wird. Vielleicht möchte jemand ganz bewusst in diesem Jahr der Barmherzigkeit ein Hilfsprojekt großzügig unterstützen. Vielleicht möchte sich jemand aber auch vornehmen, bei einem aktuellen Anlassfall (und jedes Jahr gibt es leider viele) schnell und freigebig zu spenden.

Die Lästigen geduldig ertragen



Jeder kennt es: Da gibt es Menschen, denen man am liebsten ausweicht, wo man am liebsten die Straßenseite wechseln möchte, wenn man sie auf sich zukommen sieht, weil sie einem so lästig sind. Vielleicht sind es besonders neugierige oder redselige Personen, vielleicht ist es jemand, der tratscht oder ohne nachzudenken drauflos plappert. Es fällt uns zwar nicht leicht, doch wollen wir uns meistens auch keine Blöße in der Öffentlichkeit geben und lassen die unliebsame Begegnung über uns ergehen. Schwieriger wird es, wenn derjenige, der uns lästig ist, in unserem direkten Umfeld ist. Die vergessliche Oma, die zum zehnten Mal dasselbe fragt oder erzählt, die einsame Nachbarin, die immer im unpassendsten Moment hereinplatzt und nicht mehr geht, der vierjährige, der einen mit seinen Warum-Fragen an den Rand des Wahnsinns bringt.
In der Heiligen Schrift ist auch einmal davon die Rede, dass jemand lästig ist. Es sind die Kinder, die von ihren Müttern zu Jesus gebracht werden, damit er sie segne. Die Apostel wollen die Mütter mit den Kindern wegschicken. Sie sind vielleicht einfach gedankenlos, vielleicht spüren sie die Sehnsucht der Frauen und Kinder nicht und können sie nicht nachvollziehen, weil sie ja selbst immer in der Nähe Jesu sein dürfen, vielleicht meinen sie es sogar gut, und wollen Jesus, der mit vielen Begegnungen und Erlebnissen fertig werden muss, schützen. Doch Jesus weist die Jünger scharf zurecht. Kein Mensch ist ihm lästig, nicht das Kind, das gesegnet werden soll, nicht Zachäus, der auf dem Baum sitzt, nicht der Blinde, der laut nach Jesus schreit. Jesus gibt uns mit seinem Verhalten ein Beispiel. Er sieht in die Herzen der Menschen, er kennt ihre Nöte und Verstrickungen. Es gibt wohl kaum einen lästigen Menschen, der absichtlich lästig ist. Oft ist es einfach ein Bedürfnis nach Zuwendung. Jeder kann selbst darüber nachdenken, wer ihm besonders lästig fällt. Diesen Menschen geduldig zu ertragen, ist ein echter Liebesdienst, ein echtes Werk der Barmherzigkeit. Durch diese Geduld kann vieles verändern: uns selbst aber auch den Lästigen.

Die Nackten bekleiden


Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Kind beobachtete, wie (ich glaube, einmal im Jahr) die Säcke mit den alten Kleidern für die Kleidersammlung mit Güterzügen vom Bahnhof abtransportiert wurden. Waggons voll mit Kleiderspenden ließen in mir die Frage entstehen, wie viele arme Menschen es wohl geben musste, dass so viel alte Kleidung benötigt wird. Wenngleich dies heute alles anders organisiert ist, gibt es doch nach wie vor immer wieder Aufrufe zur Sammlung bestimmte Kleidungsstücke, um sie in arme Regionen, vor allem in Osteuropa zu schicken.

Ich denke jedoch, dass es zu kurz greift, beim Nachdenken darüber, warum es zu den Werken der Barmherzigkeit zählt, die Nackten zu bekleiden, nur daran zu denken, dass es darum geht, Menschen in materieller Not Kleidung zu geben, damit sie zum Beispiel nicht frieren. Es geht auch um die Würde des Menschen. Ein nackter Mensch ist irgendwie seiner Würde beraubt, entblößt, den Blicken ausgesetzt. Denken wir nur an die erschütternden Bilder von den Menschenmassen in den KZs, die nackt ihrem Tod entgegengingen. Dabei ging es sicherlich bewusst auch um eine Demütigung der Gefangenen.

Seit dem Sündenfall ist der Mensch verwundet und verwundbarer. Deshalb bedarf auch der Körper des Menschen des Schutzes durch Kleidung. Nacktheit ist nur in ganz wenigen Fällen, in einem ganz geschützten Rahmen, angebracht. Gibt es nicht bei uns heute statt einer Nacktheit aus materieller Armut eine ganz andere Art von Nacktheit? Denken wir an die Medien, wo pornographische Inhalte tagtäglich und zu jeder Tageszeit über den Bildschirm flimmern. Denken wir an den neuesten Trend unter Jugendlichen, wo sie sich gegenseitig Nacktfotos von sich zuschicken, die dann nach Ende der Freundschaft nicht selten missbraucht werden, um den anderen durch deren Veröffentlichung zu demütigen. Vielleicht brauchen auch die auf den ersten Blick freiwillig Nackten heute unsere Hilfe, unseren Schutz, unser Mitgefühl. Könnte es im übertragenen Sinn auch ein Werk der Barmherzigkeit sein, Kinder und Jugendliche vor zu viel Nacktheit zu bewahren, ihnen die Kostbarkeit ihres Körpers nahezubringen und ihnen zu vermitteln, dass sie ihn vor den Blicken anderer schützen sollen? Das soll selbstverständlich die klassische Hilfe bei fehlender Kleidung nicht verdrängen, sondern nur ergänzen.

Die Unwissenden lehren





Was kann es für uns bedeuten, wenn die Kirche lehrt, dass es ein Werk der Barmherzigkeit ist, die Unwissenden zu lehren. Kaum jemand mag gern belehrt werden, da kaum jemand zu den Unwissenden gezählt werden will. Wir leben in einer Zeit, in der sich jeder für mündig, aufgeklärt, informiert hält. Doch gibt es viele Formen von Unwissenheit. Es gibt diejenigen, die nichts wissen wollen, weil Wissen auch mit Verantwortung zu tun hat. Wer mehr weiß, von dem wird mehr gefordert, der muss sich entscheiden, Stellung beziehen. Manche haben nicht die Kraft oder Möglichkeit sich über verschiedene Dinge umfassend zu informieren. Andere lehnen jede Information, die ihr Weltbild in Frage stellt ab, aus Angst, sie müssten vielleicht ihr Leben ändern. Es ist also die Pflicht derjenigen, die sich in einer bestimmten Thematik vertieft haben, ihr Wissen und ihre Erkenntnisse weiterzugeben und jenen zugänglich zu machen, die dieses Wissen brauchen, die davon profitieren können. Neben dem Wissen im menschlichen Bereich gibt es auch das Glaubenswissen, das Eindringen in geistige Wirklichkeiten. Das Glaubenswissen hilft dem Menschen, zu beten. Wer Gott besser kennt und eine klare Vorstellung von ihm hat, kann besser mit ihm kommunizieren (beten). Wer über sein ewiges Ziel mehr weiß, kann seinen Weg zielstrebiger, froher und entschiedener gehen. Ein vertieftes Glaubenswissen kann dem Menschen z. B. auch helfen, mit Leid anders umzugehen oder Erfolge zu verkraften (ohne Stolz zu werden).

Ein Studium – gemeint ist nicht ausschließlich irgendein Fachstudium an der Universität, sondern die Vertiefung in ein bestimmtes Wissensgebiet – soll neben der persönlichen Bereicherung immer auch anderen nützen. Auch in der Forderung des hl. Josefmaria Escriva, der sinngemäß gesagt hat, wem es gegeben ist, zu studieren, der muss studieren, schwingt diese Pflicht mit. Denken wir zum Beispiel an den seligen Engelbert Kolland, dessen Begeisterung für das Studium verschiedener Sprachen von seinem Wunsch als Missionar tätig zu sein, gespeist wurde. Er wollte mit den Menschen kommunizieren können um ihnen so die Frohe Botschaft zu verkünden und ihnen in ihren alltäglichen Sorgen als Seelsorger beizustehen. Es braucht also vor allem in der Kirche Menschen, die bereit sind, sich Wissen anzueignen, zB durch einen Katechistenkurs, um es an andere weiterzugeben. Wer die Unwissenden lehren will, ist nicht überheblich, sondern erfüllt vom Wunsch, die Wahrheit, die er erkannt hat, anderen weiter zu schenken, damit auch sie Sinn und Glück im Glauben finden können. Damit dieses Werk der Barmherzigkeit gelebt werden kann, muss es Menschen geben, die mehr wissen, tiefer verstehen und Wirklichkeiten durchdringen wollen. Es braucht Menschen, die den Mut haben, ihr Wissen anderen mitzuteilen, sei es gelegen oder ungelegen, wie es der hl. Paulus formuliert. Sicher erfordert es die Klugheit, wann, wo und wie man eine Wahrheit vermittelt. Gewiss braucht man dazu ein dickes Fell, da dies nicht überall willkommen sein wird, doch werden jene, deren Herz nicht durch Stolz verhärtet ist, auch dankbar für jede Belehrung sein. Es kann auch vorkommen, dass jemand eine Wahrheit zunächst zwar ablehnt, aber es beschäftigt ihn weiter und später dringt er doch zur Einsicht durch. Ein guter Lehrer wird das Interesse wecken, wird durch Fragen dazu hinführen und ermutigen, selbst die wahren Antworten zu finden bzw. eventuelle irrige Ansichten zu hinterfragen. Ganz konkret sollen wir uns bemühen, einem bestimmten Menschen vom Glauben zu erzählen und zu versuchen, ihn zu gewinnen. Glaubenswissen weiter zu geben ist etwas Gutes, etwas NOT-wendiges. Wir sollten aber auch bedenken, dass auch wir selbst es sein können, die der Belehrung bedürfen und unser Herz öffnen, um diese bereitwillig und dankbar anzunehmen. Wer sich gerne belehren lässt, wird besser lehren können. Über allem steht die Gelehrigkeit gegenüber Gott. Selig der Mann, der Freude hat an der Weisung des Herrn!